junges dokfest 3: Gestern, morgen, heute, heute, heute
(BALi, KulturBahnhof Kassel)
Kino zeichnet sich durch eine unmittelbare Gegenwärtigkeit aus – wir können es nur in der Zeit wahrnehmen, die es vorgibt. Und Kino kann durch die Zeit reisen, Vergangenes ins Jetzt holen, Zukünfte entwerfen. Die fünf Filme dieses Programms setzen an dem Moment an, in dem wir leben: Gegenwarten, die nie bequem sind, von Krisen geprägt, von Gewalt gezeichnet, aber nie ohne Hoffnung. Und sie finden unterschiedliche Wege, diese Gegenwart auszuloten und Verbindung zu setzen mit dem, was war und dem, was sein könnte. (Sebastian Markt)
Ein Dorf im Sudan, Gegenwart. Der Regisseur Ibrahim kehrt nach Jahren der Abwesenheit zurück und möchte Filme zeigen. Bürokratie und Zensur machen das Unterfangen schwierig; währenddessen bricht der Krieg aus. Aus der Frage nach einer Genehmigung wird eine existenziellere Frage des Überlebens. Die Filme, die Ibrahim nicht zeigen kann, werden zu Paten eines Versuchs, im Moment der Bedrohung das Leben zu feiern. Kino als Ort, an dem das Kino selbst Ressource wird, um mit der Gegenwart fertig zu werden.
Ein Labor in New York, Gegenwart. Die Kunststudentin Ting Su verdient Geld damit, Ausgaben der historischen kommunistischen Gewerkschafts-Zeitung Daily Worker zu digitalisieren. Die historischen Bilder von Menschen und ihren Kämpfen werden Teil der Gegenwart von Sus Film; sie findet Verbindungen zu der Geschichte ihrer Mutter und zu ihrer eigenen. Kino als Ort, in dem Vergangenheit gegenwärtig wird, und sich die eigene Situation besser erkennen lässt.
CN: Gewalt Deutschland, Gegenwart. Die Künstlerin Vika Kirchenbauer verletzt sich die Hand, macht feindselige Erfahrungen im Krankenhaus, blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung auf Demonstrationen und Polizeigewalt, tritt eine Kunstprofessur an. Die eigene Verletzung, Zeug*innenschaft und die eigene Position als „Staatsdienerin“ werden zum Ausgangspunkt einer essayistischen Reflexion über die Macht des Staates und das Vermögen der Kunst. Kino als Ort, in dem die Frage nach den Verhältnissen gestellt wird: Welche Kunst kann in einer Gesellschaft entstehen, in der Unrecht herrscht, und mit welchem Ziel?
Südtirol, Mitte 19. Jahrhundert. Drei junge afrikanische Frauen werden einer Zwangstaufe unterzogen, ihre Namen durch christliche Namen ersetzt. An diesen Akt kolonialer Gewalt erinnert Belinda Kazeem-Kamiński, und lässt drei Schauspielerinnen Kinderreime performen. Sie gibt den historischen Figuren ihre Stimme zurück, in Szenen, die an „Daughters of the Dust“ erinnern, einen Klassiker des afro-amerikanischen Kinos. Kino als Ort, der eine Geschichte von Rassismus in Erinnerung ruft, und dabei den von ihr Betroffenen die Subjektivität wiederverleiht, die die Gewalt ihnen nehmen wollte.
Gaza, Vergangenheit. Der Maler Mohammed Imrani ist hier aufgewachsen, jetzt lebt er in Paris. In der Gegenwart der Zerstörung der städtischen Landschaft seiner Jugend beginnt er Skizzen von dem zu zeichnen, was es nicht mehr gibt. Mit dem Zeichnen kommt die Erinnerung: Straßenzüge und Gebäude, Orte, die persönliche Bedeutung für ihn haben – so persönlich und intim wie die Striche, mit denen aus seiner Hand eine bedrohte Stadt Gegenwart und Gestalt annimmt. Kino als Ort, in dem Erinnerung ein lebendiger Akt wird, der sich gegen Zerstörung wehrt.