
Schließ die Fenster. Der Tiger kommt. Ich kann ihn riechen! Ihre Alzheimer-Erkrankung fördert ein Erinnerungsfragment aus dem Gedächtnis einer alten Frau in Indien zutage, aufgezeichnet von ihrer Tochter, der Filmemacherin Madhusree Dutta. Sie folgt der Spur, die ihre Mutter hinterlassen hat, zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Im nordöstlichen Bundesstaat Assam errichtete die US-Armee 1942 die erste Luftbrücke der Militärgeschichte über den Himalaya zur Unterstützung der chinesischen Stadt Kunming, ausgeführt von der Airforce-Spezialeinheit Flying Tigers. Die Errichtung der gewaltigen Infrastruktur zerstörte das ökologische Gleichgewicht des Dschungels und trieb die echten Tiger bis in die Teeplantagen von Assam, wo die Mutter der Regisseurin aufwuchs. Im Verlauf ihrer Recherchen entdecken Madhusree Dutta und die chinesische Medientheoretikerin Mi You, deren Freundschaft nur in einem Drittland wie Deutschland entstehen konnte, einen gemeinsamen historischen Moment zwischen den Nachbarländern mit geschlossenen Grenzen. In einem wachsenden audiovisuellen Netzwerk aus Anekdoten, Briefen und Nachrichten, erkunden sie ihren Weg durch Zeit und Raum, zwischen fragilen Erinnerungen einer unbekannten Vergangenheit und unerforschten Nischen der Gegenwart. Wie Chars, schwimmende Inseln im mächtigen Strom Brahmaputra, tauchen Geschichten im Film auf und wieder ab, fruchtbar und doch weder politisch noch dramaturgisch zu vereinnahmen. Auf diese Weise lässt die Filmemacherin uns die Welt durch eine andere Optik sehen, wie es auch Alzheimer tut. Das Autobiografische wird hybrid, oder sogar halluzinativ. (pong film)
„Globale Logistik, Lieferketten und Warenströme sind Themen, die auch unsere aktuelle Ausstellung INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000 adressiert. Ausgangspunkt ist die ‚Belt and Road Initiative‘ oder ‚Neue Seidenstraße‘, eine interkontinentale Logistik-Infrastruktur, die China seit 2013 weltweit ausbaut. Auch wenn es fundamentale Unterschiede zwischen – um mit Michel de Certeau zu sprechen – ‚taktischen‘ Luftbrücken und ‚strategischen‘ Seidenstraßen gibt, so gilt für beide: Waren – bei den Flying Tigers Waffen und Treibstoff, auf den Seidenstraßen Konsumgüter und Rohstoffe – überqueren Grenzen fast mühelos, während das für Menschen dies- und jenseits der Grenzen zwischen China, Indien und Myanmar zunehmend schwieriger bis unmöglich wird.“ (Inke Arns)