Was kann es heißen – heutzutage – ein erfolgreiches Leben zu leben? Wessen Maßstäbe zählen? An welche Grenzen sind wir bereit zu gehen? Welchen Regeln wollen wir uns fügen, welchen Dingen müssen wir uns widersetzen? Vier Filme nähern sich der Frage gegenwärtiger Subjektivität und Individualität, finden unterschiedliche Formen, ihren Protagonist*innen im Porträt gerecht zu werden und zugleich jene Kräfte sichtbar zu machen, die unsere Vorstellungen darüber regieren, was es bedeutet man selbst zu sein. (Sebastian Markt)
Ein Schwall von erfolgsverheißenden Affirmationen prasselt
aus dem Off und steigert sich zu grotesken Banalitäten. Ein Mann im Anzug fügt
seinen Körper in die Ecken und an den Treppen, Gängen, Bänken eines
modernistischen Gebäudes ein, und vollführt dabei groteske Verrenkungen.
Gedreht im Fährterminal von Tallinn und basierend auf einem Text des Poetry
Slammers Joonas Veelmaa erschafft JAH! einen klugen und lustigen Zerrspiegel
einer Gesellschaft, in der Selbstoptimierung scheinbar alles ist. „Sag ja zum
Glück, sag nein zur Traurigkeit. Denk nicht, sag’s einfach!“
Pol will reich werden, am liebsten mit Krypto-Trading,
10.000,-€ pro Monat. In seinem kleinen Zimmer in der Wohnung seiner Oma hat er Fotos
von schnellen Autos und Häusern mit Pool an einer Motivationswand aufgehängt,
er besucht Motivationsworkshops und hört Investmentpodcasts. Gala Hernández
López’ bildfreudiges Porträt nähert sich dialogisch und empathisch einem jungen
Mann und seinen Träumen – und lenkt den Blick zugleich auf die Kräfte und
Bildströme, die individuelle Sehnsüchte gesellschaftlich formen.
Der 18-jährige Antonis Antoniadis hat sich zur Bundeswehr
verpflichtet, für 17 Jahre. Er dient als Sanitäter und möchte Pharmazie
studieren. Seinem Zimmergenossen fällt das Einfinden in das soldatische Leben
schwer. In ruhiger und manchmal humorvoller Distanz porträtiert DIE
UNIFORMIERTEN einen Soldaten und macht die Spannungen spürbar, die zwischen dem
Versuch eines jungen Menschen, er selbst zu werden, und den Strukturen,
Disziplinen und Hierarchien einer Institution entstehen, die individuelle
Körper zu einem formen will.
CN: Sexualisierte Gewalt Als 13-Jährige hat die Regisseurin eine digitale Kamera
bekommen, nur ein einziger Schnipsel Material existiert noch. Jetzt betrachtet
sie Handy-Aufnahmen einer heute 13-Jährigen und rekonstruiert im Zwischenraum
zwischen den vorhandenen Bildern und denen, die fehlen, ihr Erleben des
Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Den Moment, in dem sie
beginnen musste, sich mit den Blicken anderer auseinanderzusetzen, mit Blicken,
die aus einer Gesellschaft mächtiger und gewaltvoller Geschlechterdifferenzen
kommen.