
Es gehört zur Tradition des Kasseler Dokfestes, das lokale (Kunst-)Geschehen zu beobachten, relevante Entwicklungen aufzuspüren und künstlerische Positionen aus dem Bereich der audiovisuellen Medien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit einem Sonderprogramm präsentiert das Kasseler Dokfest in diesem Jahr Arbeiten der in Berlin schaffenden Medienkünstlerin Vika Kirchenbauer, die seit dem Sommersemester 2026 als Professorin an der Kunsthochschule Kassel unterrichtet. Zuvor war sie als Professorin für Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig tätig. Seit 2009 war Vika Kirchenbauer mit zahlreichen Videos, aber auch mit einer Beteiligung in der Ausstellung Monitoring beim Kasseler Dokfest vertreten. Das Programm umfasst vier Kurzfilme und wird moderiert von Katrin Mundt (European Media Art Festival).
Sichtbarkeit und Präsenz gehören zu den
zentralen Währungen im künstlerischen Feld.
Die emanzipatorischen Vorstellungen von Öffentlichkeit
und Repräsentation, die sich einst
an diese Begriffe knüpften, sind inzwischen
weitgehend einer neuen, musealen Erlebnisökonomie
gewichen. Die letzten Jahrzehnte liefern
anschauliche Beispiele dafür, wie erfolgreich
sich gerade das Ungesehene, Unerhörte oder
aktiv Ausgeblendete in deren Logik integrieren
lässt. Vika Kirchenbauers Videos, Installationen
und Texte betrachten und intervenieren in diese
Verhältnisse, ohne die eigene Verwicklung darin
auszublenden.
In YOU ARE BORING! erscheint eine Gruppe queerer
Performer*innen in einem schwarzen Bühnenraum
von unbestimmten Dimensionen und
richtet sich, dank stereoskopischer 3D-Technik
larger than life, direkt an die Betrachtenden. In
wechselnden Tableaus erwidern sie den Blick,
der sich auf sie richtet, performen und entblößen
dabei die unausgesprochenen Erwartungen,
Begehren und Ängste ihrer Betrachter*innen. Es
entsteht eine Blickbeziehung, die im Sichtbaren
das Opake unterstreicht und im Sichtbarwerden
die ebenso ermächtigenden wie gewaltvollen
Strukturen, die es ermöglichen.
COMPASSION AND INCONVENIENCE erweitert
diese Perspektive auf die ideologischen und ökonomischen
Verflechtungen zwischen Kunst und
Kolonialismus. Historische Dokumente – teils
grafisch dargestellt, teils vorgetragen und verkörpert
von fünf Performer*innen – dokumentieren
jenes System der Ausbeutung und Entmenschlichung,
auf dessen Grundlage im 18. Jahrhundert
die ersten öffentlichen Kunstinstitutionen in
London entstehen. Hier wurden neben Werten
wie Mitgefühl und ästhetischer Urteilskraft auch
Klassenunterschiede kultiviert – im Dienst der
sozialen Ausschlüsse, die bis heute das Kunstfeld
prägen.
Die Spannung zwischen An- und Abwesenheit
spielt – auch formal – eine zentrale Rolle in
UNTITLED
SEQUENCE OF GAPS. Das Video entfaltet
sich als eine lose Abfolge von Beobachtungen,
die um die Begrenztheit unserer optischen
Wahrnehmung und traumatisch bedingten
Erinnerungsverlust kreisen. Welche Spuren
hinterlassen Affekte, die so stark sind, dass sie
sich der Versprachlichung entziehen? Wohin geht
die Gewalt, die sich öffentlich nicht artikulieren
kann? Wie können wir (trotzdem) wahrnehmen,
was wir nicht zu sehen gelernt haben?
Kirchenbauers jüngstes Video THIS SUFFOCATING
NOW antwortet auf eine Gegenwart, in der staatliche
Regulierung und Repression immer unverhohlener
die Verdrängung dissidenter Stimmen
und queerer Leben aus der Öffentlichkeit betreibt.
In Text und Bild verwebt es urbane, institutionelle
und private Räume, in denen sich unterschiedliche
und doch parallele Gewalterfahrungen
überlagern. Sie vermitteln die Kontinuität
faschistischer Denkweisen und Strukturen, die
präventive Diskriminierung und vorauseilenden
Gehorsam zur neuen Norm erheben – auch im
künstlerischen Feld.
Kirchenbauer befragt in ihren Arbeiten die
ethischen und politischen Dimensionen des
Sichtbarmachens und Sichtbarwerdens, der
ästhetischen Betrachtung und kritischen Zeitzeug*
innenschaft, im Bewusstsein, dass aus
Erfahrung Verantwortung folgt.
(Katrin Mundt)
You Are Boring! / Deutschland 2015 / 13:44 Min. / Englisch / englische beschreibende UT
Compassion and Inconvenience / Deutschland 2024 / 30:00 Min. / Englisch / englische beschreibende UT
Untitled Sequence of Gaps / Deutschland 2020 / 12:31 Min. / Englisch / englische beschreibende UT
This Suffocating Now / Deutschland 2026 / 15:36 Min. / Englisch / englische beschreibende UT