
1970 und 71 entstanden in Kassel-Wehlheiden zwei Filme, die von Kämpfen um Wohnraum und einen Platz im sozialen Gefüge Kassels handeln. Reformen im Strafvollzug ermöglichten dem Filmkollektiv Arbeitskreis Film den Zugang zur JVA Kassel-Wehlheiden. Die Gefangenen führen die Kamera selbst, diskutieren über Resozialisierung im Strafvollzug und ihren Arbeitsalltag hinter Gittern. Es entsteht ein unkonventionelles Zeitdokument emanzipatorischer Medienarbeit in Deutschland. – Im Mai 1971 besetzen Studierende zwölf leerstehende Häuser der „Belgiersiedlung“ in Kassel. Zusammen mit Sozialarbeiter*innen holen sie kinderreiche Familien und Obdachlose aus den menschenunwürdigen Baracken des „Lettenlagers“ im Forstfeld mitten in die Stadt. Es beginnt eine der ersten Hausbesetzungen der Bundesrepublik – ein Kampf um das Grundrecht auf Wohnen und ein historischer Wendepunkt für Kassel. Rares Bildmaterial zeigt lautstarke Demonstrationen auf der Königsstraße, Interviews berichten über gelebte Solidarität, das harte Durchgreifen von Polizei und Bundesgrenzschutz und die Ingewahrsamnahme der Protestant*innen in den Zellen des alten Polizeipräsidiums im Königstor 31. Am 6. Juli 1971 kommt die Polizei mit Möbelwagen. Die ehemaligen Bewohner*innen des „Lettenlagers“ werden gnadenlos geräumt und kommen in Behelfsunterkünfte oder zurück ins „Lager“; die von Student*innen besetzten Wohnungen bleiben größtenteils verschont. (Susanne Hesse-Badibanga)
Fünf Finger sind eine Faust / Lutz E. Tönnis, Wilfried Geike / Deutschland 1971/72 / 25:00 Min. / Deutsch
Gefangene filmen ( Strafvollzugsanstalt Kassel)/ Kollektiv / Deutschland 1970 / 34:00 Min. / Deutsch