Kassel, introspektiv – Wo wir wohnten / Billige Hände


(kleines BALi, KulturBahnhof Kassel)

24. Dezember 1974: Saniye Çetinkaya und ihre fünf Kinder kommen am Flughafen Hannover an. Ihr Mann Ihsan arbeitet seit 1971 in Hombergs Gusseisenfabrik, die Familie sehnt sich danach, unter einem Dach zu leben. Fünfzig Jahre später erzählen die Schwestern Perihan Yılmaz, Pakize Çetinkaya, Gülşen Çakır und Ayşe Çetinkaya ihrem Neffen vom langsamen Heimischwerden. Fotos aus dem Familienarchiv führen zurück zu den Orten, wo die Çetinkayas arbeiteten und sich in Gensungen, später in Felsberg und Mittelhof ein Zuhause einrichteten, wo sie Argwohn, Armut und ausgelassene Tage erlebten. Jede Schwester hat ihren Blickwinkel auf die Familien- und Einwanderungsgeschichte, nicht für alle nahm die Ankunft in Deutschland den erhofften Weg. WO WIR WOHNTEN ist eine Gemeinschaftsarbeit von Studierenden der HfG Offenbach und des Projekts „Raumkonzepte des Erinnerns“ der Uni Kassel, das Migrationserfahrungen entlang der Wohnverhältnisse nachzeichnet und ihnen konkrete Standorte zurückgibt. Der Film läuft in Erstaufführung im Double Feature mit Edith Marcellos bemerkenswerter Reportage BILLIGE HÄNDE, die Erfahrungen von „Gastarbeitenden“ zu einem kritischen Tableau zusammenträgt: Eine Arbeiterin, ein Gewerkschafter, ein Priester, der junge Günter Wallraff geben Einblicke in die BRD-Einwanderungspolitik und ihre erschütternden Kontinuitäten, die jedoch durchkreuzt werden von gegenoffensiven Initiativen und wilden Streiks. Edith Marcellos Einstiegsfrage, „Was wissen wir von ihnen?“, hallt in WO WIR WOHNTEN wider. (Marie-Hélène Gutberlet, Jamil Zegrer)

Wo wir wohnten / Nerede yaşıyoruz / Deutschland 2026 / 20:00 Min. / Deutsch / englische UT / Mustafa Çetinkaya (Interviews), Gizem Tonbak (Kamera), Jamil Zegrer (Kamera, Schnitt), Perihan Yılmaz, Pakize Çetinkaya, Gülşen Çakır und Ayşe Çetinkaya (Stimmen), Yasin Çetinkaya (Recherche), Lehrgebiet Film HfG Offenbach und Architektur Uni Kassel (Produktion und Beratung).

Billige Hände / Edith Marcello / Bundesrepublik Deutschland 1969 / 30:00 Min. / Deutsch, Türkisch / Kamera: Bernhard Weber / Schnitt: Gisela Grafe / Ton: Dietrich Köpke / Produktion: Hessischer Rundfunk