Sonderausstellung

Eine Ausstellung von Studierenden der École Supérieure d'Art Pays Basque (Bayonne-Biarritz, Frankreich) und der Klasse Film und Bewegtes Bild der Kunsthochschule Kassel.

Ende 2019 begannen Studierende der Kunsthochschule Kassel und der École Supérieure d'Art Pays Basque (Bayonne-Biarritz, Frankreich), in einem Kollaborationsprojekt über den Begriff Grenze zu reflektieren. Ein Ausgangspunkt war die Reibung, die entsteht in der Historie von Territorien und Topografien, vor dem Hintergrund der Geschichte(n) Europas, zwischen Atlanten und Landschaften, Zentren und Peripherien, Grenzen, Überschreitungen und verschiedenen Sprachen (Französisch, Deutsch, Spanisch, Baskisch und Hessisch). Die politische, geografische und sprachliche Grenze, aber auch die sensorische, psychische, ontologische und vor allem die plastische Grenze wurde gemeinsam erforscht. Was uns ausmacht und was uns gleichzeitig trennt, wurde ebenso in den Blick genommen, wie Räume der Trennung und Zonen des Kontakts, Frontlinien und Durchgangsorte. Der Begriff Grenze wurde auch im aktuellen europäischen Kontext und in der spezifischen Situation der Begegnung zwischen deutschen und französischen Studierenden betrachtet. Dabei gab es verschiedene Forschungsphasen, Phasen der Distanz und der Annäherung zwischen den beiden Schulen, auch im speziellen Kontext der vergangenen zwei Jahre in dem der Begriff der Grenze und der Trennung in einer besonders verschärften und brutalen Weise erfahren wurde, sowohl im Hinblick auf die Gesundheit als auch auf die ökologische Krise und auf die Unterdrückung der Migration. Um dem auf die Spur zu kommen, „was wir sehen und was uns anschaut“, wurde im Januar 2020 der geschützte Raum der Kunsthochschulen verlassen und die Umgebung erkundet. So war beim ersten Workshop in Biarritz, noch vor der Pandemie, das erste Arbeitsziel der deutschen und französischen Studierende die französisch-spanische Grenze, wo sich die Städte Hendaye (in Frankreich, Nordbaskenland), Irun und Hondarribia (in Spanien, Nordbaskenland) gegenüberstehen, getrennt durch den Bidasoa, einen Fluss, an dem sich viele Konfliktlinien herauskristallisiert haben (spanisches und französisches Königreich, Französische Republik, Bürger*innenkrieg und Diktatur Francos, Abwanderung der spanischen Republikaner*innen, baskische Befreiungsbewegung, Geschichte der aktuellen Migrationen...). Diese Orte sind geprägt von Trennungslinien, aber auch den täglichen Wegen der Bewohner*innen der drei Städte, deren kulturelle und politische Identität stark von der Nichtanerkennung nationaler Grenzen geprägt ist, wenn man bedenkt, dass das Baskenland eine Einheit bildet, die aus sieben Provinzen beiderseits der Pyrenäen besteht. Dieses grenzüberschreitende Gebiet ist geprägt vom Handel, von Freihandelszonen, vom Güterverkehr, von der Tätigkeit des Fischereihafens und von den Bewegungen der Menschen, die auf der einen Seite der Grenze arbeiten und auf der anderen Seite leben. Sie ist aber auch auf gegensätzliche Weise durch verstärkte Kontrolle und Überwachung, die ständige Präsenz von Polizei auf Brücken und Straßen und die ständige Unterdrückung von Geflüchteten gekennzeichnet. Während der Pandemie wurde das Erkunden der Umgebung schwieriger. Die für Mai 2020 geplante gemeinsame deutsch-französische Untersuchung der Grenze zwischen Hessen und Thüringen, die vor über 30 Jahren noch unüberwindbar zwei sich feindlich gegenüberstehenden Ideologien trennte, und je nach Blickrichtung gleichzeitig Todesstreifen und antiimperialistischer Schutzwall war, wurde in den virtuellen Raum verlegt und musste online stattfinden. Aber auch dort spiegeln sich die Geschichte(n) Europa. Zum Beispiel auf der Webseite des Mahnmals gegen die schleichende Normalisierung des Faschismus in Deutschland, welches vom Zentrum für politische Schönheit im gleichen Ort errichtet wurde, in dem auch ein Wurstmuseum Hausschlachtelehrgänge anbietet. Oder in den Spuren, die die Idee des „Fulda Gap“ hinterlassen hat, welches sich von Herleshausen bis Bad Neustadt an der Saale erstreckte und die fragilen und „strategisch verletzlichen“ geografischen Gegebenheiten bezeichnete, aufgrund derer die NATO hier einen Vorstoß der Truppen des Warschauer Pakts weit in das Hinterland der Bundesrepublik Deutschland hinein befürchtete.

In Hessen wie im Baskenland sind die Landschaften ebenso wie die ihr innewohnenden Themen voller Widersprüche und paradoxer Gegensätze, die die Frage aufwerfen, was trennt und was zusammenführt. Und wie daraus etwas Gemeinsames wachsen kann? Das war einer der wichtigsten Punkte, den die Studierenden online gemeinsam bearbeitet haben. Während sie einzeln oder in Gruppen das Thema praktisch umsetzten – wobei alle Medien erlaubt waren. Einige Studierende haben für ihr Projekt Grenzgebiete besucht: in Irun und Hendaye, wo die Polizei seit 2020 Straßensperren zwischen den beiden Ländern und den baskischen Provinzen errichtet hat, aber auch an der ehemaligen Ost-West-Grenze in Deutschland auf der Suche nach Räumen des Übergangs und der Transformation. Andere interessierten sich für Transitrouten, Fischereihäfen, Randgebiete... Überlaufen, übergehen: Das ist die Bewegung, die die Studierenden oft anstreben und von der einige der durchgeführten Projekte zeugen. Denken heißt kreuzen, laut Ernst Bloch. Das ist es auch, was diesen Austausch zwischen zwei Schulen in zwei verschiedenen Ländern möglich gemacht hat: trotz der Reisebeschränkungen und der vielen Zwänge Wege der Zusammenarbeit zu finden, Grenzen zu überschreiten und über sie nachzudenken. Die Ergebnisse dieser Langzeit-Kollaboration werden im Rahmen des Kasseler Dokfestes im ruruHaus in einer gemeinsamen Ausstellung der von den französischen und deutschen Studierenden entworfenen und entwickelten Projekte präsentiert. Anschließend wird die Ausstellung im Januar 2022 im Rahmen des FIPADOC – International Documentary Festival in Biarritz zu sehen sein.

Die Partnerschaft zwischen der Kunsthochschule Kassel und der ESAPB wurde durch die Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, der Vertretung des Landes Hessen beim Regionalrat der Nouvelle-Aquitaine, der HessenFilm und Medien GmbH, der Région Nouvelle-Aquitaine, des Kasseler Dokfestes, des FIPADOC – International Documentary Festival, Biarritz und des CROUS Bordeaux-Aquitaine ermöglicht und vom ruruHaus/documenta fifteen unterstützt.

Präsentiert wird eine Auswahl der entstandenen Arbeiten.

Am Projekt beteiligt sind: Jonas Albrecht, Clarisse Alemany, Valentine Arcuset, Charlotte Botta, Charlotte Bouchon, Jan Emde, Hanna Haak, Julia Hacini, Alix Kokula, Ortzi Laborde, Amélie Lamude, Rosa Langer, Nour Asran Mahmoud, Arthur Marie, Célia Martin, Louise Mattiolo, Franziska Pappert, Jurijn Rondé, Lola Savary, Ebony Schneeweiß, Tamsir Soumaré, Célia Superbielle, Sonja Wassermann, Marie Werthschulte, Jia You

Pädagogische und künstlerisch/gestalterische Betreuung: Sara Millot (École Supérieure d'Art Pays Basque), Anna Berger, Jan Peters (Kunsthochschule Kassel).

ruruHaus Obere Königsstraße 43, Eingang Treppenstraße

Eröffnung: Mittwoch, 17.11. / 21:00 Uhr.

Einführung: Anna Berger, Sara Millot, Jan Peters

Öffnungszeiten der Ausstellung:

Mi.  17.11. 21:00 – 23:00

Do. 18.11. 15:00 – 21:00

Fr.  19.11. 15:00 – 21:00

Sa. 20.11. 15:00 – 21:00

So. 21.11. 15:00 – 20:00

Sonderausstellung: Débordements Überläufe – Impressionen